Die Zugriffszahlen journalistischer Webangebote stiegen
nach dem 11. September auf Rekordhöhe. In den Monaten danach zeigte sich,
wer wirklich das Potenzial hat, die Nutzer zu binden.
Schlechte Zeiten - gute Zeiten« - das unterscheidet
Nachrichtenjournalismus von einer Seifenoper. Wenn eine reale
Katastrophe all die kleinen Serienkriege mit einem Knall wegfegt, suchen
Menschen Orientierung: eine glaubwürdige Stimme, die ihnen erklärt, was
passiert ist und wie es weitergehen wird.
Am 11. September des vergangenen Jahres bot das Internet für viele
Menschen in Deutschland die erste und schnellste Möglichkeit, sich über
die unglaublichen Ereignisse zu informieren. In Büros und Ämtern, in
Universitäten und zu Hause klickten sie sich auf Webseiten, von denen
sie schnelle und glaubwürdige Informationen erwarteten.
Stark steigende Zugriffszahlen
250 Prozent mehr Seitenabrufe verzeichnete der Berliner
Nachrichtensender n-tv im September bei seinem Internetableger. Nach dem
Start des Angebots im Mai 1999 und ständig steigenden Zugriffszahlen
hatte sich www.n-tv.de seit Anfang des vergangenen Jahres bei ca. 2,5
Millionen Besuchern pro Monat eingependelt. Im September 2001 nutzten
plötzlich sieben Millionen Besucher die Newssite.
Der enorme Anstieg ist nicht nur mit dem gesteigerten
Informationsinteresse der Stammnutzer zu begründen. So stagnierte die
Zahl der registrierten Community-Mitglieder seit Monaten bei ca. 30.000.
Allein im September und Oktober 2001 meldeten sich rund 20.000 neue
Nutzer an, um in Chats und Foren mitzudiskutieren oder den Newsletter zu
beziehen. Kai-Marcus Thäsler, Leiter Neue Medien bei n-tv, hat vor allem
zwei Gründe für die starke Nachfrage im Web ausgemacht: »Das lag in
erster Linie an der Nachrichtenlage - neue Nutzer kamen aber auch durch
das Fernsehprogramm, das auf n-tv.de hinwies.« Doch dies reicht nicht
als Erklärung. Auch andere Sender bewerben ihre Website zu jeder
möglichen Gelegenheit im Programm. SAT.1 musste im September einen
Rückgang der Pageimpressions um 13,5 Prozent im Vergleich zum Vormonat
hinnehmen. Noch stärker traf es Kabel 1 (-24,5 Prozent) und ProSieben
(-37,8 Prozent). Einzelne Unterhaltungssendungen mit beliebten Websites
gaben ebenfalls deutlich ab (TV Total Online -37 Prozent, Die Wochenshow
Online -34 Prozent).
Muttermedium zieht Nutzer an
Es zeigt sich, dass Nutzer die Kompetenzen der einzelnen Websites
einschätzen und Angebote nach ihren aktuellen Bedürfnissen gezielt
ansurfen. Dabei beziehen sie sich oft auf das Muttermedium: Ist ein
TV-Sender bekannt für seine Informationsleistungen, wird dieses Image
auch auf das Internetangebot transferiert. Die Website wird dabei
zumindest von den Erstnutzern zunächst ungeprüft als verlässliche
Nachrichtenquelle angenommen. So lassen sich kurzfristige positive
Effekte bei den Zugriffszahlen in nachrichtenstarken Zeiten erklären.
Dieselben Effekte lassen sich auch an den Web-Ablegern der
Printmedien nachweisen. So schaffte die Website des Spiegel nach den
Terroranschlägen im September einen Anstieg von 87 Prozent im Vergleich
zum Vormonat. Dahinter reihen sich die Rhein-Zeitung (+85 Prozent), Die
Welt (+74 Prozent), die Süddeutsche (+60 Prozent) und die FAZ (+43
Prozent) ein. Verzichten konnten die Nutzer in der angespannten Lage
offenbar auf nackte Tatsachen (Coupé -1,5 Prozent) und seichte
Unterhaltung (TV Spielfilm -29 Prozent). Auch die Jugend scheint den
Hardnews den Vorzug gegenüber Stars und Sternchen gegeben zu haben. Das
Internetangebot der Bravo verlor 12 Prozent seiner Seitenabrufe von
August bis September. Jochen Magnus, Redaktionsleiter bei RZ-Online,
weiß, was die Surfer unter rhein-zeitung.de gesucht haben: »Unser
Nachrichtenticker war ein Klickbringer. Stark angestiegen ist auch das
Interesse an redaktionellen Beiträgen zu aktuellen Themen.« Die
Diskussionsforen, sonst bei RZ-Online im bescheidenen Rahmen, seien in
den Tagen nach den Anschlägen förmlich explodiert.
Dauerhafter Effekt?
Welche Schlüsse lassen sich nun aber aus den starken Ausschlägen
aufgrund eines nachrichtlichen Großereignisses für die Zukunft der
journalistischen Webangebote ziehen? »Nachrichten sind nicht immer
gleich attraktiv. Damit müssen wir leben«, sagt Kai Thäsler. Und das
kann das Webangebot sehr gut: www.n-tv.de hat sich als
Nachrichteninstitution im Web etabliert und wird künftig bei noch mehr
Nutzern erste Wahl sein, wann immer es um schnelle Information geht. Mit
der Bewerbung im laufenden Programm kann lediglich ein Interesse beim
Rezipienten geweckt werden, auch das zugehörige Webangebot zu nutzen.
Erst hier wird er jedoch seine Gratifikationen erhalten - oder eben
nicht.
Im Falle von www.n-tv.de hat dieser Transfer offensichtlich gut
funktioniert. Im ereignisärmeren Oktober stieg die Zahl der Seitenabrufe
noch einmal leicht um drei Prozent. Auch ein anderes Angebot aus der
Hauptstadt, www.welt.de, konnte durch seine journalistische Leistung
überzeugen und neue Nutzer (+14 Prozent im Oktober) hinzugewinnen.
Diese nachhaltige Entwicklung sagt mehr aus als die Rekordzahlen im
Monat September - schließlich gehörten die Monate Oktober und November
wieder eher den unterhaltsamen Internet-Angeboten wie Amica, Bild, Vox,
Super-Illu oder eben TV Total. Die meisten klassisch-journalistischen
Webseiten von Stern über Süddeutsche Zeitung, RZ Online oder SPIEGEL
Online, verzeichneten bereits im Oktober wieder leichte Rückgänge.
Jochen Magnus ist trotzdem zufrieden: »Es sind zweifellos Leser hängen
geblieben. Wir haben etliche Zuschriften von Lesern bekommen, die uns
lobten und jetzt weiterhin nutzen wollen.« Trotz der leichten Rückgänge
bei den Zugriffen bleibt bei fast allen Newsanbietern ein ansehnliches
Plus auch einige Monate nach dem 11. September. Einen ähnlichen
Aufschwung auf ein dauerhaft höheres Niveau der Zugriffszahlen gab es
zum Beispiel im März 1999, als der Rücktritt Oskar Lafontaines, der
Kosovo-Konflikt und ein EU-Bestechungsskandal für ein Nachrichten-Peak
gesorgt hatten.
Chancen nutzen
Jetzt liegt es in den Händen ...