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Leseprobe

Online-Journalismus

Kompetenz war gefragt

Die Zugriffszahlen journalistischer Webangebote stiegen nach dem 11. September auf Rekordhöhe. In den Monaten danach zeigte sich, wer wirklich das Potenzial hat, die Nutzer zu binden.

von Sebastian Holzapfel  

Schlechte Zeiten - gute Zeiten« - das unterscheidet Nachrichtenjournalismus von einer Seifenoper. Wenn eine reale Katastrophe all die kleinen Serienkriege mit einem Knall wegfegt, suchen Menschen Orientierung: eine glaubwürdige Stimme, die ihnen erklärt, was passiert ist und wie es weitergehen wird.

Am 11. September des vergangenen Jahres bot das Internet für viele Menschen in Deutschland die erste und schnellste Möglichkeit, sich über die unglaublichen Ereignisse zu informieren. In Büros und Ämtern, in Universitäten und zu Hause klickten sie sich auf Webseiten, von denen sie schnelle und glaubwürdige Informationen erwarteten.

Stark steigende Zugriffszahlen

250 Prozent mehr Seitenabrufe verzeichnete der Berliner Nachrichtensender n-tv im September bei seinem Internetableger. Nach dem Start des Angebots im Mai 1999 und ständig steigenden Zugriffszahlen hatte sich www.n-tv.de seit Anfang des vergangenen Jahres bei ca. 2,5 Millionen Besuchern pro Monat eingependelt. Im September 2001 nutzten plötzlich sieben Millionen Besucher die Newssite.

Der enorme Anstieg ist nicht nur mit dem gesteigerten Informationsinteresse der Stammnutzer zu begründen. So stagnierte die Zahl der registrierten Community-Mitglieder seit Monaten bei ca. 30.000. Allein im September und Oktober 2001 meldeten sich rund 20.000 neue Nutzer an, um in Chats und Foren mitzudiskutieren oder den Newsletter zu beziehen. Kai-Marcus Thäsler, Leiter Neue Medien bei n-tv, hat vor allem zwei Gründe für die starke Nachfrage im Web ausgemacht: »Das lag in erster Linie an der Nachrichtenlage - neue Nutzer kamen aber auch durch das Fernsehprogramm, das auf n-tv.de hinwies.« Doch dies reicht nicht als Erklärung. Auch andere Sender bewerben ihre Website zu jeder möglichen Gelegenheit im Programm. SAT.1 musste im September einen Rückgang der Pageimpressions um 13,5 Prozent im Vergleich zum Vormonat hinnehmen. Noch stärker traf es Kabel 1 (-24,5 Prozent) und ProSieben (-37,8 Prozent). Einzelne Unterhaltungssendungen mit beliebten Websites gaben ebenfalls deutlich ab (TV Total Online -37 Prozent, Die Wochenshow Online -34 Prozent).

Muttermedium zieht Nutzer an

Es zeigt sich, dass Nutzer die Kompetenzen der einzelnen Websites einschätzen und Angebote nach ihren aktuellen Bedürfnissen gezielt ansurfen. Dabei beziehen sie sich oft auf das Muttermedium: Ist ein TV-Sender bekannt für seine Informationsleistungen, wird dieses Image auch auf das Internetangebot transferiert. Die Website wird dabei zumindest von den Erstnutzern zunächst ungeprüft als verlässliche Nachrichtenquelle angenommen. So lassen sich kurzfristige positive Effekte bei den Zugriffszahlen in nachrichtenstarken Zeiten erklären.

Dieselben Effekte lassen sich auch an den Web-Ablegern der Printmedien nachweisen. So schaffte die Website des Spiegel nach den Terroranschlägen im September einen Anstieg von 87 Prozent im Vergleich zum Vormonat. Dahinter reihen sich die Rhein-Zeitung (+85 Prozent), Die Welt (+74 Prozent), die Süddeutsche (+60 Prozent) und die FAZ (+43 Prozent) ein. Verzichten konnten die Nutzer in der angespannten Lage offenbar auf nackte Tatsachen (Coupé -1,5 Prozent) und seichte Unterhaltung (TV Spielfilm -29 Prozent). Auch die Jugend scheint den Hardnews den Vorzug gegenüber Stars und Sternchen gegeben zu haben. Das Internetangebot der Bravo verlor 12 Prozent seiner Seitenabrufe von August bis September. Jochen Magnus, Redaktionsleiter bei RZ-Online, weiß, was die Surfer unter rhein-zeitung.de gesucht haben: »Unser Nachrichtenticker war ein Klickbringer. Stark angestiegen ist auch das Interesse an redaktionellen Beiträgen zu aktuellen Themen.« Die Diskussionsforen, sonst bei RZ-Online im bescheidenen Rahmen, seien in den Tagen nach den Anschlägen förmlich explodiert.

Dauerhafter Effekt?

Welche Schlüsse lassen sich nun aber aus den starken Ausschlägen aufgrund eines nachrichtlichen Großereignisses für die Zukunft der journalistischen Webangebote ziehen? »Nachrichten sind nicht immer gleich attraktiv. Damit müssen wir leben«, sagt Kai Thäsler. Und das kann das Webangebot sehr gut: www.n-tv.de hat sich als Nachrichteninstitution im Web etabliert und wird künftig bei noch mehr Nutzern erste Wahl sein, wann immer es um schnelle Information geht. Mit der Bewerbung im laufenden Programm kann lediglich ein Interesse beim Rezipienten geweckt werden, auch das zugehörige Webangebot zu nutzen. Erst hier wird er jedoch seine Gratifikationen erhalten - oder eben nicht.

Im Falle von www.n-tv.de hat dieser Transfer offensichtlich gut funktioniert. Im ereignisärmeren Oktober stieg die Zahl der Seitenabrufe noch einmal leicht um drei Prozent. Auch ein anderes Angebot aus der Hauptstadt, www.welt.de, konnte durch seine journalistische Leistung überzeugen und neue Nutzer (+14 Prozent im Oktober) hinzugewinnen.

Diese nachhaltige Entwicklung sagt mehr aus als die Rekordzahlen im Monat September - schließlich gehörten die Monate Oktober und November wieder eher den unterhaltsamen Internet-Angeboten wie Amica, Bild, Vox, Super-Illu oder eben TV Total. Die meisten klassisch-journalistischen Webseiten von Stern über Süddeutsche Zeitung, RZ Online oder SPIEGEL Online, verzeichneten bereits im Oktober wieder leichte Rückgänge. Jochen Magnus ist trotzdem zufrieden: »Es sind zweifellos Leser hängen geblieben. Wir haben etliche Zuschriften von Lesern bekommen, die uns lobten und jetzt weiterhin nutzen wollen.« Trotz der leichten Rückgänge bei den Zugriffen bleibt bei fast allen Newsanbietern ein ansehnliches Plus auch einige Monate nach dem 11. September. Einen ähnlichen Aufschwung auf ein dauerhaft höheres Niveau der Zugriffszahlen gab es zum Beispiel im März 1999, als der Rücktritt Oskar Lafontaines, der Kosovo-Konflikt und ein EU-Bestechungsskandal für ein Nachrichten-Peak gesorgt hatten.

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